RAHEL HESS

Unternehmerin

„Ich selbst habe noch keins meiner Brautkleider angezogen“

Rahel Hess - Hera Store Zürich

Eigentlich arbeite die junge Schweizerin als Modejournalistin. Als sie aber während ihrer Arbeit beim Magazin für einen Brautmode-Artikel recherchiert hat, bemerkte sie, wie traditionell und überholt das Angebot in der Schweiz ist. Also eröffnete Rahel Hess ihre eigene Brautmoden-Boutique „Hera“. Was nach einem Mädchentraum klingt, erforderte Durchhaltevermögen und einige Entscheidungen. Die Schweizerin verrät ihre Tipps und Lektionen, die sie bei der Eröffnung ihres eigenen Shops gelernt hat, woher sie ihre Inspiration bekommt und ob Bräute wirklich so anstrengend sind, wie es ihnen ihr Ruf nachsagt.

HER WAY

Wie hast du dein Business gestartet, nachdem du dir das Ziel mit der eigenen Boutique gesetzt hast?

Rahel Hess: Nach meiner Entscheidung habe ich meinen Arbeitsvertrag bei „Freundin“ gekündigt. Eigentlich wollte ich die Zeit, bis ich den Laden eröffnen kann und den Business Plan geschrieben habe, mit Stylistenjobs überbrücken. Aber dann kam der perfekte Laden, den ich einfach nehmen musste. Ich wollte einen Kontrast zu den typischen Brautmodenläden haben, mit großen Fenstern und Beton. Als mir dann auch noch der Inhaber einen Aufschub mit dem Mietbeginn gegeben hat, wusste ich, dass mein Ziel gesetzt ist.

Wie war es dann mit den ersten Kundinnen?

Rahel Hess: Ich hatte Angst davor, wie das wird. Denn die Kundin steht halbnackt in der Kabine mit dir, ob man dann Hemmungen hat. Aber meine erste Kundin war bereits ein Sonnenschein, dann war das Eis für mich gebrochen. Denn meist hat man zwei bis drei Termine, bis das Kleid wirklich passt. Es ist aber ein Luxus für mich, da ich Spaß und nicht das Gefühl habe, dass ich wirklich arbeite. Auch wenn ich jetzt 30 Bräute habe und man mit jeder mindestens zwei Termine finden muss.

Gibt es auch nervige Kundinnen, die dem Ruf der „Bridezillas“ gerecht werden?

Rahel Hess: Klar. Manchmal hast du auch Kundinnen, die abends noch spät mit Freundinnen kommen und sich immer umentscheiden. Oder die dann bei den Labels anrufen, und nachfragen, ob du denn die richtigen Preise angeboten hast. Manchmal werden auch Kleider mit Flecken oder in der falschen Größe angeliefert. Aber mir ist noch nie eine Braut aus dem Laden gelaufen, die kein Kleid hat. Am Ende wird es dann gut werden und es ist auch schön zu sehen, wenn die Bräute Vertrauen in einen haben.

Wie hast du das Kapital für den Start zusammenbekommen?

Rahel Hess: Mich haben meine Eltern unterstützt. Ich weiß nicht, ob es in der Schweiz Existenzgründerprogramme gibt. Da muss ich mich nicht mit fremdem Lorbeeren schmücken.

Wo wärst du jetzt, wenn du nicht deinen Laden hättest?

Rahel Hess: Ich würde wahrscheinlich weiterhin in der Redaktion arbeiten. Aber es fehlt mir nicht. Auch wenn mein Job beim Magazin ebenfalls ein Traumjob war.

Ich bin eigentlich ein sehr selbstbewusster Mensch.

HER STYLE

Du hast die Idee zu deinem Shop von Brautmodenlabels auf Pinterest und Instagram bekommen. Woher bekommst du heute deine Inspiration?

Rahel Hess: Eines meiner Vorbilder auf Instagram, visuell und auch von ihrem Werdegang, ist „Loho Boutique“ aus den USA. Ich habe sie gerade in Barcelona auf der Messe kennengelernt. Sie war wahrscheinlich nicht so beeindruckt wie ich von ihr, aber ich hatte einen kleinen Fan-Moment.

Was war der wichtigste Tipp, den du beim Start deines Business weitergeben möchtest?

Rahel Hess: Deinem eigenen Stil treu zu bleiben. Ich bin eigentlich ein sehr selbstbewusster Mensch, aber wenn du dir zu viele Meinungen einholst, dann verunsichert dich das. Das fängt beim Laden an, welche Tapete man nehmen soll. Denn eigentlich weißt du doch schon, was dir gefällt. Frag nicht tausend Leute nach ihrer Meinung und lass sie ihren Senf dazu geben, sondern höre auf dich selbst.

Deine Brautmode ist sehr besonders, mit unkonventionellen Schnitten. Welcher Trend hat dir bei einer Hochzeit am besten gefallen?

Rahel Hess: Ich fand es besonders inspirierend, als mir eine Kundin erzählte, dass sie ihre standesamtliche Hochzeit in der Schweiz feiert und dann eine große Hochzeit mit Freunden in Italien. Das fand ich ein schönes Konzept.

Hast du jemals an deiner Businessidee gezweifelt?

Rahel Hess: Am Anfang, wenn du ein bis zwei Monate hast, in denen niemand etwas kauft. Dann überlegst du, ob du nicht doch ein paar Glitzerkleider aufnehmen oder dein Konzept ändern solltest. Denn ich habe keine traditionelle Boutique und man fragt sich, ob man sich da selbst treu bleiben soll. Aber das hat sich dann immer wieder von selbst eingependelt. Zum Glück.

HER MOVES

Du bist nun in deiner Heimat zurück. Bist du glücklich mit der Entscheidung?

Rahel Hess: Sehr. Natürlich bin ich manchmal in Städten, in denen ich gerne wohnen würde. Wie Berlin, Kopenhagen oder Madrid. Ich weiß aber, dass das nur kurzfristige Schwärmereien sind. Ich habe genug in meinem Leben in anderen Städten gewohnt und studiert.

Hera Store, Zürich

Du warst gerade auf der Messe in Barcelona. Wo reist du beruflich noch hin?

Rahel Hess: Ich habe Labels aus Frankreich, England, Spanien und aus Israel. Deswegen reise ich jede Saison nach Paris, London und nach New York, weil dort eine Messe ist, die mir gefällt. Ich möchte unbedingt nach Tel Aviv, dort war ich bisher noch nicht.

Und privat?

Rahel Hess: Ich liebe den europäischen mediterranen Sommer. Und wenn es das Budget zulässt, reise ich auch gerne etwas weiter weg. Am liebsten verreise ich in jedem Fall, wenn ich mit Freunden unterwegs bin.

Zug, Auto oder Flugzeug: Wie reist du am liebsten?

Rahel Hess: Ich reise tatsächlich am häufigsten mit dem Flugzeug. Aber ich fahre auch gern mit dem Auto. Ich liebe Auto fahren! Mein Laden ist zum Glück so zentral gelegen, dass ich dort zu Fuß hingehen kann. Aber privat nehme ich mein Auto, um meine Eltern zu besuchen oder um am Wochenende raus zu fahren. Dann höre ich Musik, Balladen oder Charts-Musik und singe laut mit. Autofahren ist für mich Entspannung. Als ich noch in München gelebt habe, waren die zwanzig Minuten im Auto morgens entspannend.

Ich liebe Autofahren

HER SELF

Wie findest du ansonsten noch Entspannung?

Rahel Hess: Ich lese gerne und genieße die Zeit für mich. Im Moment ist es die Biografie von Michelle Obama „Become“. Auch schaue ich gerne Serien, ich habe gerade „Game Of Thrones“ angefangen und habe noch alle Staffeln vor mir. Außerdem mache ich zwei oder drei Mal die Woche Sport, mache Fitness und gehe Laufen. Auch wenn ich oft keine Lust habe, man muss sich eben jedes Mal wieder motivieren.

Apropos Motivation. Was treibt dich an im Leben, was lässt dich aus dem Bett aufspringen?

Rahel Hess: Es ist extrem anspornend, dass der Umsatz steigt und dass man weiß, dass man es richtig gemacht hat. Was auch immer wieder schön ist, sind diese Momente, wenn du merkst, dass eine Braut erstmal kein Selbstbewusstsein hat und wenn sie dann das Brautkleid trägt und einfach jedes ihr steht, gibt das einem sehr viel. Jede Frau sieht komplett anders aus und ihr steht etwas anderes. Denn es ist schon einer der wichtigsten Tage im Leben einer Frau.

Und bei dir?

Rahel Hess: Ich habe selbst noch keines meiner Brautkleider getragen. Nicht einmal im Laden angezogen.

Thank you Rahel

Credit: Livia Bass Photography

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