YVONNE REICHMUTH

Designer

"Berühmte Personen inspirieren mich nicht"

Ein schwarzer Fransenrock, ein Lederhalsband, ein extravagantes Geflecht, das sich um die Hand schlingt. Sieht man die Designs von Yvonne Reichmuth, vermutet man im ersten Moment nicht, dass sie aus Zürich stammen. New York oder London - das würde ihren ausgefallenen Lederkreationen gleich kommen, so wie es auch die Herkunft ihrer internationalen und berühmten Fans unterstreicht. Stars wie Taylor Swift, Kristen Stewart und Monica Bellucci tragen die Outfits ihres Labels „YVY“ auf dem roten Teppich und werden bei Instagram dafür gefeiert. Ein Umzug in eine Modehauptstadt, wie es viele andere für mehr Erfolg tun würden? Für Yvonne Reichmuth keine Option. Nach einer Station ihres Ateliers in Italiens Lederhauptstadt Florenz, bleibt sie ihrer Heimatstadt treu und bringt ihren Erfolg von dort aus voran. Ausgezeichnet wurde sie bereits mit Preisen wie dem Schweizer Designpreis für Young Fashion Entrepreneurs und den Premium Young Talent Award. Wirklich überraschend sind vor allem die Gegensätze, die sie in ihrer Mode und ihrem Schaffen vereint. Neben ihrem unüblichen Standort Zürich, ist ein weiteres Beispiel, dass die 32-Jährige trotz ihres Lederlabels selbst Vegetarierin ist. Wie sich die junge Designerin die Freude an ihrem Job erhält, wie wichtig Social Media für den Erfolg ihres Labels ist und welche Tipps sie jungen Frauen gibt, die eine eigene Modemarke aufbauen möchten, erzählt sie im Interview.

"Nur weil deine Kollektion dieses Jahr gut ankommt, kannst du nicht nächstes Jahr davon leben“

Wer inspiriert dich, wer ist dein Vorbild?

Yvonne Reichmuth: Es ist keine berühmte Person. Es sind viel mehr Leute aus meinem Umfeld, wie meine Mutter oder Freundinnen. Da ist es authentisch, wie sie ihr Leben meistern und es geht mir mehr darum, welche Sätze diese Personen mir mit auf den Weg geben. Wie zum Beispiel sagte einmal eine Freundin zu mir: „Don’t forget to play“. Egal wieviel ich zu tun habe, ich versuche niemals die Leichtigkeit aus den Augen zu verlieren, zu spielen und Dinge auszuprobieren.

Aber du kommst auch viel mit berühmten Persönlichkeiten in Berührung, denn deine Designs werden oft von Stars getragen. War hier noch kein Vorbild für dich dabei?

Yvonne Reichmuth: Man muss einen Menschen kennen, damit er inspirierend ist. Celebrities geben meist ein bestimmtes Bild in der Öffentlichkeit ab, wie sie sich darstellen wollen. Wenn man jemanden hingegen im echten Leben kennt, dann ist es hundert Prozent authentisch. Es ist oft auch die Art wie jemand lebt, sein Leben meistert oder wie sich jemand bewegt. Es ist das Zwischenmenschliche. Und mit Celebrities ist man ja nie eins zu eins, so dass man sie wirklich kennt.

Du entwirfst deine Mode in Zürich. Wie sieht der Alltag in deinem Atelier aus? Hast du überhaupt einen Alltag?

Yvonne Reichmuth: Mittlerweile ja. Da ich Angestellte habe. Ich beginne um 8 Uhr die Arbeit vorzubereiten, bevor mein Team kommt. Dann arbeiten wir bis abends im Atelier und machen tausend Sachen gleichzeitig, da wir ein kleines Team sind. Vor allem geht es um die Produktion der Lederteile, die wir nach wie vor hier selbst machen.

Also ist jeden Tag deine Kreativität gefragt. Wie erhältst du dir diese, trotz der vielen Arbeit?

Yvonne Reichmuth: Eine gewisse Grundkreativität ist als Designer immer da. Aber wenn ich neue Designs entwerfe, brauche ich Ruhe. Dann schließe ich den Laptop, mache den Ton der Mails aus und konzentriere mich nur darauf.

Zürich ist deine Heimat. Wie wichtig sind Reisen für dich, die dich inspirieren?

Yvonne Reichmuth: Es sind weniger die Reisen zu den Fashion Weeks, die mich inspirieren. Denn man will ja nicht von anderen Designern abschauen. Meistens kommt sowas auf Reisen eher zufällig, wie als ich in Marokko war. Das hat mich zu einer Kollektion mit marokkanischen Elementen inspiriert. Aber es muss nicht immer in einem fernen Land sein. Es kann auch hier sein, dass man ein Haus sieht, das man inspirierend findet. Architektur ist bei mir in den letzten drei Kollektion mit eingeflossen, wie bei „BRUT“, wie der Name schon sagt, bei der Brutalität meine Inspiration war. Es ist einfach ein Klotz. Solche Gebäude sind gleichzeitig hässlich, aber haben trotzdem eine Faszination.

HER WAY

Was war die größte Herausforderung, der du dich stellen musstest, als Du Dein Business begonnen hast?

Yvonne Reichmuth: Das Selbstvertrauen zu gewinnen, dass man hinter dem steht, was man macht. Ich habe von Anfang an das gemacht, was ich machen wollte, ohne darüber nachzudenken, was die anderen Leute davon denken. Besonders bei Leder und Harnes musste ich mich erstmal behaupten. Man muss sich den Titel schon verdienen. Jeder kann sich Designer nennen und ich hatte Ansprüche an mich selber, die ich erfüllen wollte, so dass ich mich selbst Unternehmer und Designer nennen konnte.

Wann hast du erkannt, dass du den Durchbruch mit deinem Label geschafft hast?

Yvonne Reichmuth: Durchbruch ist oft nur eine Projektion von anderen Leuten. Ich finde das selbst schwierig zu sagen, denn es sind meist kleinere Durchbrüche, die dem ganzen einen Wert geben. Ich sage aber nie von mir selbst, dass ich den Durchbruch geschafft habe. Die Branche ist so schnelllebig und nur weil eine Kollektion gut ankommt, heißt das nicht, dass du nächstes Jahr noch davon leben kannst.

Aber kannst du von deinen Designs leben?

Yvonne Reichmuth: Mittlerweile ja. Aber es war harte Arbeit. Ich habe nebenbei die letzten zehn Jahre als Stylistin gearbeitet und wenn ich die Zeit habe und das Projekt gut finde, mache ich das auch heute. Wie im Moment für eine Modeproduktion mit einer Athletin für ein Sportmagazin in der Schweiz. Denn hier geht es darum, die Leute nicht wie ein Model zu verkleiden, sondern dass die Kleidung zu der Person passt.

Dein wichtigster Wendepunkt oder MOVE deiner Karriere?

Yvonne Reichmuth: Der Sprung nach Los Angeles. Die Zusammenarbeit mit Ackerlund, als sie mich in den Showroom eingeladen hat, den sie neu gegründet hatte. Das war vor drei Jahren und es hat mir Celebrities eingebracht.

Wie hast du den Mut gefunden, dein eigenes Label zu gründen?

Yvonne Reichmuth: Ich musste den nicht zuerst suchen, sondern ich hatte keine andere Wahl. Ich wollte schon von klein auf mein eigenes Ding machen. Es gibt einem so viel Freiheit, dass ich gar nichts anderes machen möchte.

HER MOVES

Freiheit bedeutet auch, dass du die vielen Reisen machen kannst, die für deinen Beruf als Designerin nötig sind. Wohin reist du am liebsten und wie reist du dorthin?

Yvonne Reichmuth: Florenz, weil ich dort auch mal gelebt habe. Dort reise ich am liebsten mit dem Zug hin, denn da kann ich während der Fahrt lesen oder schreiben. Und ich freue mich auf die Zeit und die Ruhe im Zug. Außerdem bin ich gerne in Los Angeles und letztes Jahr dort auch zum erstem Mal Auto gefahren. Ich fahre nicht viel, ich lasse mich lieber fahren. Deswegen musste ich mich erst daran gewöhnen. Aber es war in jedem Fall aufregend.

Auch wenn du selbst nicht oft fährst, hast du ein Lieblingsauto?

Yvonne Reichmuth: Das ist eine einfache Antwort. Ich habe mit Piech zusammengearbeitet, die gerade in Genf ihren neuen Sportwagen vorgestellt haben. Mark Zero. Optisch sehr schön, sehr speziell. Und dass es ein Elektroauto ist, gefällt mir auch. Für dieses Auto habe ich ein besonderen Badge entworfen, damit man Zugang zu dem Auto bekommt. Der aber so besonders aussieht, dass man ihn nicht wegwirft, sondern behält.

Wie reist du denn am liebsten? Und was hast du dabei?

Yvonne Reichmuth: Ich fliege gerne. Das hat etwas Faszinierendes. Von oben herunterzuschauen, das ist emotional. Ich habe dann auch eine Playlist, die ich immer wieder höre, wie zum Beispiel „Can’t Sleep“ von K.Flay. Und Fliegen hat auch immer etwas Aufregendes, da man nicht weiß, was einen danach erwartet. Beim Gepäck bin ich minimalistisch unterwegs. Ich hänge nicht an irgendwelchen Produkten. Pass, Geld und Musik muss dabei sein. Und Zigaretten.

Wie wichtig sind Social Media für dein Label und deinen Beruf als Designerin?

Yvonne Reichmuth: Sehr wichtig. Besonders als unabhängige Marke kann man sich besser darstellen, ohne dass man ein großes Budget hat. Man muss nicht mehr Werbung schalten, um bekannt zu werden. Das können nur noch die großen Marken. Man kann auf Social Media zeigen, wie man die Sachen trägt und wie man sie kombiniert. Bei uns ist es auch nicht nur das fertige Produkt das zählt, sondern auch der ganze Prozess und die Leute, die hier arbeiten. Das gibt dem Produkt auch einen anderen Wert, wenn man das auf Social Media zeigt. Auch ist es wichtig, dass alles hier ethisch korrekt produziert wird.

HER STYLE

Wenn Stars deine Sachen tragen, dann wird das auch auf Instagram bekannt. Und die Bekanntheit deines Labels wächst. Wen würdest du gerne in deinen Designs sehen?

Yvonne Reichmuth: Madonna oder Lady Gaga.

Wie würdest du deinen Stil beschreiben?

Yvonne Reichmuth: Schwarz, elegant und mit Edge.

Du hast gerade von ethisch korrekt gesprochen. Du selbst bist seit über zwanzig Jahren Vegetarierin, aber hast ein Lederlabel. Wie gehen diese Gegensätze zusammen?

Yvonne Reichmuth: Sehr gut. Denn das Leder, mit dem wir produzieren, ist ein Nebenprodukt der Fleischindustrie. Es werden nicht extra Tiere nur für unsere Produkte gezüchtet und getötet, sondern das Leder ist ohnehin da und wird so nicht weggeworfen. Darum kann ich dahinterstehen.

Du bist definitiv eine Inspiration für junge Frauen, die ein eigenes Label gründen wollen. Welchen Tipp hättest du gerne bekommen, als du dein Label gestartet hast?

Yvonne Reichmuth: Die größte Herausforderung ist, dass man immer wieder weitermacht und sich nicht verliert. Die kleinen Rückschläge gehören dazu, genauso wie das Positive. Das sollte überwiegen und neue Motivation geben. Aber immer wieder aufstehen und weitermachen. Vor allem wenn man über längere Zeit sehr viel arbeitet, muss man die Leichtigkeit zurückgewinnen.

HER SELF

Wie machst du das? Wie kannst du entspannen oder deinen Kopf frei bekommen?

Yvonne Reichmuth: Durch Ablenkung. Ich höre keine Meditationspodcasts oder bin der Yoga-Typ. Letztes Jahr habe ich zum ersten mal einen Spaurlaub ausprobiert. Aber ich mag Gesellschaft und sitze gerne mit Freunden und einer Flasche Wein. Das entspannt mich wirklich.

Wie hältst du dich fit oder gesund?

Yvonne Reichmuth: Die Leidenschaft und das Selbständigsein hält einen fit. Und die Freude daran, hält einen gesund. Mir wurde bereits oft gesagt, dass ich schwerwiegende Sachen schnell wegstecke. Und was mich körperlich fit hält? Ich laufe immer überall hin, das ist gut für den Körper und Kopf. Immer weiterlaufen ist allgemein im Leben mein Motto.

THANK YOU YVONNE

Credit: Sven Bänziger, Karine + Oliver

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