CLAUDIA NAGEL

Proptech-Entrepreneurin

„Ich habe jede Woche eine neue Idee“

Neun Jahre arbeitete Claudia Nagel für McKinsey, bis sie sich für die Selbstständigkeit entschied. Ihr erstes Projekt, das Berliner PropTech (Property Technology Unternehmen) KIWI, entwickelt den digitalen Türzugang für Mehrfamilienhäuser. Das innovative System ist nicht nur sicherer als der herkömmliche Schlüssel, sondern macht den Alltag auch entspannter. Über das KIWI Portal können Zutrittsberechtigungen zentral verwaltet werden. Hausverwaltern bleiben unnötige Wege erspart und die Sorge, den richtigen Schlüssel zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu haben, entfällt. Heute führt die studierte Wirtschaftsingenieurin Claudia Nagel ein zweites erfolgreiches Unternehmen, die High Rise Ventures mit dem sie in der Immobilien- und Digitalbranche talentierte Neugründer und innovative Ideen fördert.

Wie fand sie den Mut, ihren Job als Unternehmensberaterin für ihre Idee aufzugeben? Wie meistert sie heute Familie und Unternehmertum? Und warum wagen ihrer Meinung nach noch immer zu wenige Frauen den Schritt in die Start-Up-Welt ? Das verrät Dr.-Ing. Claudia Nagel im Interview.

HER WAY

Wie kam es zur Gründung deines eigenen Unternehmens?

Claudia Nagel: Ich gehe durch das Leben und sehe ständig Optimierungspotenzial. Ich bin effizienzgetrieben und organisiere gerne. Außerdem habe ich jede Woche eine neue Idee, wie man das Leben mit Digitalisierung leichter machen und Zeit sparen könnte. Dann bitte ich zunächst zunächst meine Freunde und Kollegen um Feedback. Außerdem arbeite ich nicht gerne alleine. Daher ist es für mich essenziell das richtige Team zu finden. Ich bin überzeugt, dass man gemeinsam bessere Ergebnisse erreicht. Die Idee zu KIWI hatte ich bereits 2007, habe dann aber erst 2011 zwei Mitgründer gefun­den. Bei meinem zweiten Unternehmen Hig Hrise Ven­tures war es ähnlich. Die Idee hatte sich bereits über Monate hinweg ab­gezeichnet, aber ich brauchte Zeit, bis ich das Team zusammen hatte. Meiner Meinung nach ist man stärker, wenn man die Reise als Unternehmer gemeinsam antritt.

Hast du als weibliche Gründerin das Gefühl, in der Start-Up-Welt unterrepräsentiert zu sein?

Claudia Nagel: Ja es gibt eindeutig zu wenige Frauen in der Branche, nicht nur im Start-up-, sondern auch insgesamt im Immobiliensektor. Ich bin letzte Nacht von einem Kongress aus London zurück gekom­men, bei dem direkt als zweite Folie ein Schaubild gezeigt wurde, das sich mit dem Thema befasste - Transparenz ist ein guter Anfang. Bei den Teilnehmern des Kongresses lag der Anteil der Frauen noch bei fast 50%, bei den weiblichen Gründern jedoch unter zehn Pro­zent. Ich bin der Meinung, dass mehr Frauen unternehmerisch tätig sein soll­ten, gerade im Digitalbereich. Wir bauen aktuell die Produkte und Services der Zukunft, die unser Leben bestimmen werden und ich finde es einfach schade, wenn Frauen hierbei kaum mitwirken. Prinzipiell sind Frauen zwar unternehmerisch, aber leider meist nur als Einzelunternehmerinnen. Das ist widersprüchlich zu ihrem Privatleben, wo Frauen häufig Organisations- und Abstimmungsmeister sind, wie beispielsweise in den Abstimmungsschleifen mit Kita, Schule oder anderweitiger Kinderbetreuung. Wenn es dann aber ums Unterneh­mertum geht, gründen Frauen oft alleine. Das hat aus meiner Sicht viel mit einem zu geringen Selbstver­trauen zu tun.Denn das braucht es, wenn man als Frauden Dialog mit Männern zsucht und klarstellt, dass man eineGründungsidee hat und ein Team bilden möchte.

Ich gehe durch das Leben und sehe immer, wie man es verbessern kann.

Wer inspiriert dich oder wen siehst du als Vorbild - auch außerhalb der Tech-Branche?

Claudia Nagel: Eine Frau, die mich bereits als Teenager unglaublich inspirierte und die sich in einer Männerdomäne durchgesetzt hat, war Marie Curie. Auch war ich damals wie auch heute noch ein großer Marlene Dietrich-Fan. Sie war eine unglaublich starke Frau. Aber ich hatte auch viele männ­liche Mentoren. Zum Beispiel einen Chef, der mich einmal beiseite ge­nommen hat und mir sagte hat „Du machst so einen guten Job, aber du darfst auch mal lächeln“. Das war ein wichtiges Feedback, um die richtige Gratwanderung hinzubekommen. Ich war oft zu verbissen, aber Spaß an der Arbeit ist wichtig, genauso wieden richtigen Mix aus Charme, Offenheit, Ernsthaftigkeit und Durchsetzungsvermögen zu fin­den. Seitdem ich Kinder habe, inspiriert mich vor allem die Oma mei­nes Mannes. Sie ist fast 100 Jahre alt und trotz der vielen Lebenserfahrungneugierig geblieben. Ihr liegt viel daranzu verstehen, wie sich die Welt verändert. Im hohen Alter möchte ich selbst genauso offen sein.

HER MOVES

Wohin und wie reist du privat?

Claudia Nagel: Meine Ansicht zum Urlaub ähnelt der zum Unternehmertum sehr. Wenn jemand allein reist, denke ich mir „Das kann man machen, aber in der Gruppe ist das doch schöner“. Die Reise ist einfach spannender, wenn man sie mit anderen Menschen teilt. Meistens fahren wir mit den Kindern und der Oma meines Mannes im Wohnwagen durch Europa. Letztes Jahr fuhren wir beispeilsweise nach Schweden und Norwegen. Oft treffen wir unterwegs Freunde. Ansonsten habe ich eine große Liebe für Marseille. Ich fliege zwei bis drei Mal im Jahr dorthin und das zu jeder Jahreszeit. Mar­seille erinnert mich an das Berlin der Jahrtausendwende: Chaos, Vielfalt und Kultur. kombiniert mit der französischen Art, das Leben zu genießen ist immer wieder ein Highlight.

Zurück in Berlin, wie bewegst du dich im Alltag fort?

Claudia Nagel: Ich glaube, dass das Auto, wie wir es heute kennen, in zehn Jahren verschwunden sein wird. Unsere Mobilität wird vielfäl­tiger. Ich selbst fahre Fahrrad, auch zu allen Geschäftsterminen.. Vor allem bei schlechtem Wetter ist das Car-Sharing-Prinzip sehr praktisch. In Marseille haben sich Elektroroller durchgesetzt, mit denen man etwas schneller unterwegs istals zu Fuß. Ich freue mich auf den Moment, wenn die Straßen in Berlin nicht mehr mit Autos vollgeparkt sind.

HER SELF

Wie findest du die Balance zwischen Familie, Alltag und Freizeit?

Claudia Nagel: Ich musste lernen loszulassen. Auch ein wenig Chaos zuzulassen gehört dazu. Seitdem ich Kinder habe, habe ich gelernt, viel Verantwortung abzugeben, zu delegieren. Wir sind in Deutsch­land sehr elternzentriert. So versuchen viele Eltern alle Themen selbst abzudecken. Da kommt für mich auch wieder der Teamgedanke ins Spiel. Freunde, Nach­barn, Vereine, die Schule und Bekannte sind neben den Großeltern eine gute Ergänzung. Wenn man dieses Ökosystem um seine Familie herum aufbaut, dann sind die Kin­der gut aufgehoben. Mein Mann und ich kommen beide aus der Logistik, darum optimieren wir auch gerne Wege im Privatleben. Kurze Wege sind mein zweitesRezept um alles unter einen Hut zu bekommen.

Und wie entspannst du dich?

Claudia Nagel: Ich liebe Wasser. Es ist mein Element. Früher habe ich Schwimmen als Leistungssport betrieben. Heute ist die nächste Schwimmhalle nur fünfzig Meter von meiner Wohnung entfernt. Aber auch Tauchen und Segeln oder einfach am Wasser sitzen finde ich entspannend. Berlin hat zum Glück viel Wasser und mit einem Kaffee in der Hand genieße ich dann den Moment.

Gibt es eine berufliche Bekanntschaft, die dir in Erinnerung geblieben ist?

Claudia Nagel: Viel mehr ist es die Entwicklung der Digitalszene insgesamt, die mich beeindruckt. Als ich 2015 auf dem Web Summit in Dublin war galt dieser noch als ein überschaubarer Kongress, der belächelt wurde. Ich nahm das Event aber ganz anders wahr: Ich stellte fest, dass dort innovative Köpfe aus Europa und der Welt zusammen kamen. Mich haben hier vor allem die Auseinandersetzungen mit Technologie, Werten, Demokratie und die positive Einstellung zur Gesellschaft und Technik stark beeindruckt. Und so ist der Web Summit auch heute noch – nun aber in Lissabon.

HER WAY

Welcher Tipp hätte dir am Anfang deiner Karriere weitergeholfen? Welchen möchtest du an junge Gründerinnen weitergeben?

Claudia Nagel: Ich habe mir als junger Mensch zu viele Gedan­ken darüber gemacht, ob ich die richtigen Entscheidungen treffe. Wenn man 20 Jahre alt ist, denkt man, dass jede Ent­scheidung, die man trifft, sich danach final ist. Aber das Leben hat sehr viele Abzweigungen. Es verändert sich oft so rasant, dass man sich nicht den Kopf zerbrechen sollte, ob jede einzelne Entscheidung die Richtige für die nächsten fünf bis zehn Jahre ist. Statt einfach Dinge zu tun, wägt man häufig zu viele Optionen ab. Man sollte mehr Dinge einfach tun!

Thank you Claudia

Credit: Claudia Nagel

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