FARINA SCHURZFELD

Unternehmerin

„Wir wussten nicht, ob unser Geschäftsmodell klappen wird“

Statt monatelang auf einen Therapieplatz warten zu müssen, bietet das Online-Portal Selfapy psychisch Erkrankten die Möglichkeit, ihre psychischen Belastungen wie Depressionen, Ängste, oder Essstörungen zu behandeln. Die Idee der drei Gründerinnen, darunter die 32-jährige Farina Schurzfeld, hat offensichtlich Erfolg - die Kosten für die Online-Kurse und Therapietelefonate mit Experten werden mittlerweile von immer mehr Krankenkassen übernommen. Denn allein in Deutschland sollen mehr als vier Millionen Menschen an Depressionen leiden.

Farina Schurzenfeld ist für das Marketing und die Kommunikation des Online-Portals zuständig. Businesserfahrung hat sich seitdem sie mit 22 Jahren gestartet hat, den Rabattdienst Groupon bei aufzubauen. Nach Stationen in Australien und den USA kam sie zurück nach Berlin und startete mit Selfapy durch.

Warum sie sich entschieden hat, nach ihrer Rückkehr nach Deutschland das Start-Up zu unterstützen? Warum genau solche psychotherapeutischen Dienste immer wichtiger werden? Und was sie inspiriert, was sie antreibt, erzählt die junge Gründerin im MOVES-Interview.

Farina Schurzfeld & Team

Woher wusstest du, dass Selfapy den Puls der Zeit trifft?

Farina Schurzfeld: Die Wartezeiten für viele Hilfesuchende sind in Deutschland zu lang und nur 50 Prozent der Bedürftigen suchen sich wirklich Hilfe. Ich habe das damals erlebt, als meine Mutter an Krebs erkrankt ist und ich nach einem langen Klinikaufenthalt therapeutische Hilfe erfolglos für sie gesucht habe. Ich komme aus Detmold, und wie ich jetzt weiß, sind dort die längsten Wartezeiten für Therapien. Darum habe ich nach solchen Online-Diensten gegoogelt und bin auf Selfapy gestoßen.

Wie bist du dann ins Unternehmen gekommen?

Farina Schurzfeld: Ich habe einen Artikel über Nora und Katrin gelesen (Anm. Blum und Bermbach, die zwei weiteren Mitgründerinnen) die gerade mit Selfapy gestartet hatten. Dann habe ich ihnen ein Treffen vorgeschlagen und es wurde klar, dass ich als Puzzleteil perfekt in die Runde passe. Mit Katrin hat das Unternehmen jemanden, die als Psychologin gearbeitet hatte und in der Charité Menschen ablehnen musste, die auf Therapieplätze gewartet haben. Nora hat früher so wie ich ebenfalls kurzzeitig bei Rocket Internet gearbeitet, Foodora mit aufgebaut und ist außerdem Tochter einer Psychotherapeutin. Und ich war schon über 10 Jahre im Gründungsbereich und Unternehmsaufbau tätig, habe zuletzt fünf Jahre ein Start-Up für Minijobs in Sydney und NYC aufgebaut.

Was waren die Herausforderungen, als ihr dann mit Selfapy richtig losgelegt habt?

Farina Schurzfeld: Die ersten zwei Jahre hatten wir gar kein wirkliches Geschäftsmodell. Denn vom Selbstzahlermarkt kann man als Unternehmen nicht leben. Und auf der anderen Seite kommen manche Menschen mit einem so großen Leidensdruck, dass die Online-Therapie nicht die richtige Lösung ist. Für uns war auch nicht klar, ob dass mit den Übernahmen der Kosten bei den Krankenkassen klappen wird. Das ist erst seit Mitte letzten Jahres der Fall, das hat alles nochmal verändert. Mittlerweile haben wir knapp 15 Millionen Versicherte, deren Kosten zum Teil oder für den kompletten Kurs übernommen werden.

Warum ist der Leidensdruck für psychische Krankheiten gefühlt in dieser Generation so viel höher als zuvor?

Farina Schurzfeld: Ich glaube, dass der Leidensdruck schon immer in dem Maße vorhanden war. Aber die Symptomatiken waren nicht zuzuordnen. Es ist der ständige Fokus auf Selbstoptimierung oder Perfektionismus. Und dazu Social Media und digitale Medien, die einen Einfluss haben. Früher waren es die Mitschüler in der Schule, die auf den Selbstwert eingewirkt haben, heute ist das der Instagram-Account, auf dessen Likes man angewiesen ist und der einen süchtig macht.

HER STYLE

Verbringt du täglich viel Zeit online?

Farina Schurzfeld: Jein. Ich bin privat nicht so viel auf Facebook und Instagram unterwegs. Mehr für das Unternehmen mit LinkedIn um Reichweite zu generieren. Ich schaue gern Ted Talks und hatte selbst die Ehre vor ein paar Wochen einen zu halten. Ich habe auch erst seit einem Monat Netflix. Denn wenn ich zu Hause bin, lese ich lieber Bücher

Gibt es etwas, dass typisch Farina ist, in Sachen Stil?

Farina Schurzfeld: Wahrscheinlich wie ich heute morgen ins Büro gekommen bin, mit einem Tennisschläger auf dem Rücken. (lacht) Aber ansonsten ist mein Stil, besonders bei der Einrichtung, balinesisch inspiriert. Mit viel Bambus und natürlichen Materialien.

HER MOVES

Nach deinen internationalen Stationen bist du heute beruflich in Berlin angekommen. Reist du privat oder beruflich nach wie vor viel?

Farina Schurzfeld: National reise ich auch weiterhin viel für den Job, für Meetings und Kooperationsgespräche. Auch würde ich gern nochmal nach Sydney, aber ist es leider so weit weg. Ich bin seitdem ich weggezogen bin, nicht mehr hingereist, weil ich Angst vor dem Kulturschock habe und dann vielleicht dort bleiben möchte. Ansonsten bin ich ein Aktivurlauber. Ich surfe gerne, zum Beispiel in Portugal, Indonesien oder Sri Lanka. Mein großer Traum momentan ist Afrika zum Okavango Delta zu reisen.

Wie bewegst du dich in Berlin fort?

Farina Schurzfeld: Ich habe von meiner Mutter ein Auto geerbt, ein Beetle Cabrio. Das nutze ich, um am Wochenende rauszufahren. In den Grunewald oder an den Stechlinsee. Dazu habe ich einen Roller, der mich fast täglich von A nach B bringt. Was gibt es Schöneres als der frischen Luft auf dem Zweirad durch Berlin zu düsen.

HER SELF

Abgesehen von den Ausflügen, wie und wo findest du Entspannung?

Farina Schurzfeld: Ich mache manchmal ein paar Email am Wochenende, aber generell versuche ich die Balance zu finden und mir eine Auszeit zu nehmen. Dann mache ich Sport, treffe ich Freunde. Denn ich bin eine Sozialbiene und bin ungern alleine. Auch habe ich jetzt gerade angefangen mit Acryl zu malen. Denn mir ist aufgefallen, dass wenn man mich persönlich fragt: „Worauf bist du stolz?“, dann habe ich da relativ wenig Antworten drauf. Natürlich berufliche Dinge, aber ich möchte mich auch persönlich weiterentwickeln. Deswegen habe ich seit ein paar Monaten auch einen persönlichen Coach, der mich im Leben begleitet.

Wenn du heute mit der 20-jährigen Farina sprechen könntest, was würdest du dir raten?

Farina Schurzfeld: Sei mutig. Sei neugierig. Hab keine Angst, was in der Zukunft passieren könnte. Sondern geh raus mit einem gewissen Stolz auf dich selbst und sag dir: I can do it.

Thank you Farina

Credit: Farina Schurzfeld

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