KERA TILL

Illustratorin

"Als Kreative muss man lernen, auch mal Nein zu sagen"

Kera Till, München

Ihre filigranen Zeichnungen konnte man bereits bei berühmten Mode- und Beautymarken sehen, in den bunten Schaufenstern von Hermès auf den Verpackungen von Lancôme oder Ladurée. Ein verträumter Kalender für das Carlyle Hotel in New York, war eines ihrer jüngsten Projekte. Dafür verbringt die gebürtige Münchnerin im Jahr meist einige Zeit in New York, ihre französischen Wurzeln und die Arbeit führen sie oft nach Paris und eine ihrer Arbeitsreisen brachte sie sogar nach Korea, um eine Airline mit ihren verspielten Figuren zu verschönern. Doch ihre Heimat ist und bleibt München, in der sie heute ihr Leben als selbstständige Illustratorin und Mutter vereint.

Ein Gespräch mit der 37-jährigen Illustratorin über ihren überraschenden Werdegang, das Reisen mit Kind und Frauenskizzen, in denen sich jeder Betrachter auf eine eigene Weise wiederfinden kann.

HER WAY

Du bist eine Autodidaktin, hast dir das Zeichnen selbst beigebracht. Dein Werdegang ist nicht der einer klassischen Künstlerin, richtig?

Kera Till: Meine Großmutter war auch eine leidenschaftliche Zeichnerin. Das hat mich immer inspiriert. Ich bin auch heute keine Künstlerin im klassischen Sinne. Als ich Politik studiert habe, habe ich viel gezeichnet. Aber professionell habe ich es erst gemacht, als ich als Praktikantin bei Net-A-Porter in London gearbeitet habe. Meine Chefin hat damals meine Skizzen gesehen und mich ein kleines Editorial für Jeans zeichnen lassen. Da war ich so wahnsinnig stolz drauf und habe das kopiert und eingescannt und mir selbst daraus eine eigene Webseite gebastelt. Und ich habe angefangen, mein Portfolio an Magazine rauszuschicken, so lange bis ich meinen ersten Auftrag von der deutschen „Vogue“ bekommen habe.

Vermisst du die Politik?

Kera Till: Nein. Nie. Ich liebe, was ich mache. Dann zweifelt man auch nicht.

Gibt es eine wichtige Lektion, oder einen wichtigen Move, den du gerne mit anderen Frauen teilen würdest?

Kera Till: Ein wichtiger Schritt für mich war, dass ich ins Ausland gegangen bin und den Mut dafür aufgebracht hab, danach das Zeichnen weiterzuverfolgen. Denn wäre ich in Deutschland geblieben, hätte ich mich nicht getraut, mich selbstständig zu machen. Die zweite große Lektion, die ich gelernt habe, ist nicht mehr auf andere zu hören, die sagen: Du musst wachsen. Du brauchst Hilfe und du musst lernen, zu delegieren. Denn ich habe gemerkt, dass alles das nichts ist, was ich brauche. Im Nachhinein war es ein wichtiger Meilenstein, dass ich mein Büro aufgegeben habe und jetzt meinen Rückzugsort in meiner Wohnung habe. Wo ich in Ruhe zeichnen kann. Ich möchte alles etwas schlanker halten, so arbeite ich effektiver. Denn mehr Leute und mehr Umsatz, heißt nicht, dass die Arbeit zwingend besser wird.

Ich liebe, was ich mache. Dann zweifelt man auch nicht.

HER MOVES

Und woran hast du heute Freude? Was treibt dich an?

Kera Till: Immer neue Projekte zu beginnen und immer spannende, neue Bekanntschaften zu machen. Mein Job lässt mich viel reisen, wie eben zuletzt nach New York oder nach Japan, wo ich mit der japanischen Vogue zusammenarbeite. Und wenn du stoppst, hörst du als Illustratorin natürlich auch auf Geld zu verdienen. Das vermehrt sich nicht von selbst. Und da meine Eltern mich nicht, wie es andere Leute in München erleben, mein ganzes Leben mit Geld unterstützen wollten und es auch nicht konnten, hat mich auch das angetrieben, früh mein eigenes Geld zu verdienen. Und wenn du das in der Kreativbranche schaffen möchtest, ist das harte Arbeit. Du musst dich ständig weiter entwickeln, neue Ideen haben und für mich heißt das: Immer weiter zeichnen.

Du lebst in München. Auch, wenn die Wege dort nicht so lang sind, wie in anderen Städten. Wie nimmst du diese am liebsten auf dich?

Kera Till: Im Sommer definitiv mit dem Fahrrad. Es gibt für mich nichts Schöneres, als durch Haidhausen, wo ich wohne, mit dem Rad zu fahren. Dann entlang der Isar oder durch den englischen Garten in die Innenstadt. Ich versuche selten die U-Bahn zu nehmen und da ich keinen Alkohol trinke, kann ich auch abends oft auf ein Taxi verzichten und selbst nach Hause radeln. Nur im Winter, wenn es zu kalt zum Radfahren ist, gönne ich mir ein Taxi.

Auch wenn du selbst oft nicht fährst. Gibt es ein Auto, mit dem du etwas Besonderes verbindest?

Kera Till: Es gibt einen Porsche, den ich für die Druckfirma Prantl gezeichnet habe. Mit einem Weihnachtsbaum darauf. Mein Bruder Milen hat mir vor Jahren ein Foto mit einem roten Porsche mit Baum auf dem Dach geschickt und das hat mich inspiriert. Seit Jahren ist diese Karte nun der Bestseller. Auch wenn ich selbst kein Autofan bin, gehören sie doch oft zu meinen Zeichnungen. Sie finden sich in meinen Illustration wieder, zum Beispiel vor Hotels oder Fassaden.

Du bist immer viel gereist. Jetzt bist du Mutter geworden. Mit dem Kind ist das Reisen nicht mehr so einfach, oder?

Kera Till: Wir fahren wegen eines Jobs nach Düsseldorf. Was vorher so einfach mit dem Reisen war, ist jetzt schon bei der kürzesten Strecke wie eine Weltreise. Da reisen wir mit dem Zug und können uns um unseren Sohn kümmern.

HER STYLE

Deine mädchenhaften Motive gefallen nicht nur jungen Frauen, sondern allen Altersgruppen. Woran liegt das deiner Meinung nach?

Kera Till: Weil man sich wahrscheinlich mit den Figuren leichter identifizieren kann, wenn es nur wenige Striche sind und die Zeichnungen nicht zu detailliert sind. Meine Figuren sind auch oft nicht koloriert, so dass man sie auf Haut- oder Haarfarben reduzieren kann. Sie sind zwar schlank, aber ohne klare Kontur. Auch die Diskussion zwischen westlichen Idealen und asiatischem Schönheitsempfinden spielt bei mir keine Rolle. Jede Frau findet sich in meinen Illustrationen wieder. Meine Illustrationen sind naiv, weiblich, manche sagen retro.

Drückt sich etwas von deinen Figuren auch in deinem eigenen Modestil aus? Gibt es ein Designerstück, an das du zum Beispiel gerne zurückdenkst?

Kera Till: Damals, nach einem Praktikum in London, vor mittlerweile 13 Jahren, habe ich mir eine Mulberry Tasche gekauft. Sie heißt sogar wie die U-Bahn-Station, an der ich immer ausgestiegen bin. Aber ich glaube, der Trend nach der einen bestimmten Handtasche, oder der einen bestimmten Marke ist vorbei. Mittlerweile setze ich mehr auf Understatement und weniger auf Logos und It-Bags. Allgemein bin ich auch aus Modesicht sehr froh, dass ich gerade von zu Hause arbeiten kann, seitdem ich meinen Sohn habe. Denn durch mein Kind ist auch meine Mode etwas funktionaler und minimalistisch geworden.

HER SELF

Auch wenn du von zu Hause arbeitest, wie nimmst du dir eine Auszeit vom Arbeitsalltag? Wie entspannst du dich?

Kera Till: Ich bin kein Freund der Routine oder eine Frau, die zum Beispiel nach einem festen Plan immer zum Yoga geht. Ich hasse Yoga sowieso. Als Selbstständige trenne ich beruflich und privat nicht. Ich checke gerne jederzeit meine Mails, ob ich einen neuen Auftrag oder eine spannende Mail bekommen habe. Nach der Geburt meines Sohnes konnte ich nicht anders, als gleich weiter zu machen. Schnell danach kam ein großer Auftrag von Cartier, den ich angenommen habe. Ich wollte schon immer gerne für Cartier arbeiten, deshalb habe ich zugesagt. Außerdem hat es mir geholfen, gar nicht erst in den „Baby Blues“ zu verfallen. Aber bei vielen anderen Anfragen kann ich jetzt leichter ablehnen, ein Kind ist ein guter Filter Angebote abzulehnen. Als Kreative muss man lernen, auch mal Nein zu sagen.

Wie wichtig ist Instagram für deinen Job? Motiviert oder desillusioniert dich Social Media?

Kera Till: Natürlich ist es am schönsten, wenn ich meine Zeichnungen jemandem direkt auf dem Papier zeigen kann. Aber mittlerweile kennen mich die meisten Leute von Instagram. Auch wenn es harte Arbeit ist, viele Follower zu bekommen. Und ich rate jedem ab, Tools zu verwenden, die zeigen, wer dem Account entfolgt. Das macht wahnsinnig und man zweifelt schneller. Auf Dauer ist das ungesund und ich versuche nur die Dinge und die Bestätigung für meine Arbeit von Social Media mitnehmen.

Als Kreative muss man lernen auch mal nein zu sagen.

Thank you Kera

Credit: Christoph Philadelphia

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